Der Landesstreik

In den ersten Novembertagen 1918 kommt es in 19 Schweizer Städten zuerst zu einem Warnstreik und dann zum ersten und einzigen Landesstreik der Schweizer Geschichte. Er war Folge einer aus heutiger Sicht nahezu unvorstellbaren sozialen Ausgrenzung der Arbeiterschaft in der Schweiz und er reagierte auf einen provokativen Truppenaufmarsch der Armee unter General Ulrich Wille. Am Warnstreik vom 9. November und am nachfolgenden Landesstreik nahmen etwa 250 000 Erwerbstätige teil – vor allem in der Deutsch­schweiz, teilweise aber auch in der Westschweiz und im Tessin. Sie legten die Arbeit nieder und verliehen damit den Forderungen des Oltener Aktionskomitees Nachdruck, das vom Berner Nationalrat und späteren Regierungsrat Robert Grimm angeführt wurde. Mit dem grössten in der Schweiz je für den Ordnungsdienst erlassenen Truppenaufgebot von 110 000 bewaffneten Soldaten vorwiegend aus ländlichen Gebieten demonstrierten Bundesrat, General und Bundesversammlung nach anfänglichen Verhandlungswillen Unnachgiebigkeit und Härte. Am 14. November sah sich das Oltener Aktionskomitee gezwungen, den Streik bedingungslos abzubrechen.

Das rasche Ende des Landesstreiks ist aus historischer Sicht nicht bloss als Niederlage zu sehen. Tatsächlich wurden wichtige Forderungen der Arbeiterschaft und breiter Teile der Bevölkerung später mit demokratischen Mitteln erfüllt. Dazu gehörte die 48-Stunden-Woche, die Neuwahl des Nationalrats auf Grundlage des Proporzes, mit grosser Verzögerung die Einführung der AHV/IV 1947/1948 und des Frauenstimmrechts 1971. Mit der Erfahrung der gefährlichen Konfrontation von 1918 – es gab Tote in Zürich und Grenchen, und manche fürchteten einen Bürgerkrieg – legte der Landesstreik wohl auch einen Grundstein zu jener konsensualen politischen Verhandlungskultur, wie sie die Schweiz danach viele Jahre geprägt und von anderen Ländern unterschieden hat. 

Für den Kanton Solothurn ist der Landesstreik nach wie vor mit ambivalenten Gefühlen verbunden: Einerseits stammten die führenden Persönlichkeiten aus anderen Kantonen und hatten sich eher zufällig – dank der guten Verkehrslage – in Olten getroffen, wo das Komitee seinen Namen annahm. Andererseits gehören zu den Erinnerungen aber auch die militärische Besetzung Oltens und die blutigen Ereignisse nach Streikabbruch: In Grenchen wurden am 14. November drei Zivilpersonen von den Schüssen des Füsilierbataillons 6 getroffen und getötet. Die an kriegerische Zustände erinnernde Situation grub sich hier besonders tief ins kollektive Bewusstsein der älteren Generationen ein, während die heutige junge Generation von Solothurner/-innen kaum mehr über die Ereignisse rund um die Novembertage 1918 unterrichtet scheint.